Landratten an Deck!

27.01.2022

Der klassische Ausbildungsberuf Binnenschiffer(in) und das System Wasserstraße als wichtiger Teil der Verkehrswende!

Landratten an Deck

- von Seemannsgarn, alten Berufen und neuen Perspektiven

 

Da liegt es vor mir! Wir teilen uns das ´84er Baujahr und das gute Aussehen. Gesehen haben wir uns schon oft - an Bord war ich noch nie.

Das soll sich an diesem Donnerstagmorgen in Duisburg-Homberg ändern. Ein kalter Tag im Januar, mit Wetterwechseln von Sonnenschein bis Schneesturm - wie auf hoher See. 

Begleitet werde ich von meinem treuen Gefährten Jens, dem Leiter meines Wahlkampfteams. So gehen wir die schmucklose Betontreppe, die den Hang des Anlegers passierbar macht, hinunter, über eine metallene Gangway und landen vor einer massiven Mahagoni-Doppeltür - stilecht mit eingelassenen Bullaugen in Messingfassung. Steuermann Martin Böll öffnet uns die Tür. Wir dürfen eintreten. 

„Ihr geht erstmal hoch“, begrüßt er uns Landratten und zeigt auf die Treppe. Oben angekommen, finden wir uns in einem prachtvollen Vorraum wieder. Die Mahagoni-Holzverkleidung, verschiedene Schiffsmodelle und eine Schatztruhe begeistern uns direkt. 

„Stell dich doch mit einem Fuß auf die Truhe und wir machen ein Foto von dir wie `Captain Morgan` auf seinem Fass“, schlägt mir Jens vor. Ich hebe den Fuß und sehe wie Steuermann Martin im Hintergrund die Augen schließt und seinen Kopf langsam von links nach rechts bewegt. „Keine gute Idee“, antworte ich. Der Steuermann nickt zustimmend.

In diesem Moment öffnet der Kapitän (Schulschiffleiter) Volker Müßig die Tür zu seinem Kapitänsquartier (Büro) und betritt den Vorraum. „Moin Moin!“, grüßt er mit hörbar norddeutschem Akzent und geleitet uns in einen angrenzenden Tagungsraum. Wir setzen uns. 

Die Wände hier sind mit Mahagoniholz verkleidet, das Mobiliar ist ebenfalls aus dunklem Mahagoni und ein großer, an der Wand befestigter Flatscreen verdeutlicht, dass wir uns in einem modernen, hochwertigen Konferenzraum befinden. Drei übergroße Tische bieten Platz für 12 Personen plus Kapitän. Ich bekomme es leicht mit der Angst zu tun, denn alles hier sieht unfassbar hochwertig aus; keine Kratzer, keine Macken und ich habe doch meinen Mann fürs Grobe dabei!

Entgegen unserer Befürchtung, morgens mit einem Pint Rum begrüßt zu werden, gibt es Kaffee. Ich wähne uns in Sicherheit und stelle meine Kaffeetasse auf den Mahagonitisch. Steuermann Martin schiebt mir eine der auf dem Tisch liegenden Lederunterlagen zu und ermahnt mich das Holz zu schonen. Mein Blick wandert zu Jens, er grinst mir zu. Keine Ermahnung für Ihn. 17 Dienstjahre bei der Bundeswehr hatten sich ausgezahlt: seine Tasse steht adrett auf einer Unterlage.

Nach meinem Fauxpas beginnt der Kapitän mit einem Kurzvortrag über das Schulschiff. Seit siebzig Jahren werden Binnenschiffer aus ganz Deutschland und Europa während des Berufsschulbesuchs auf einem Schulschiff internatsmäßig untergebracht. „Für die meisten ist es das erste Mal, dass sie sich ein Zimmer mit jemandem, der weder Bruder noch Freund ist, teilen müssen“, führt Volker Müßig aus. 

Das Schulschiff selbst kann nicht fahren und wurde auch nicht dazu gebaut. Es ist eine schwimmende Unterkunft. Das rund 70 Meter lange Schiff hält Kajüten für 95 angehende Binnenschiffer parat. Derzeit sind 83 Betten belegt, davon auch neun durch Frauen. „Der Bedarf ist viel größer!“, erklärt Volker Müßig. „Wir haben Probleme, 100 Männer und Frauen zu finden, die Binnenschiffer werden wollen.“ Der Bedarf der Unternehmen liege aber bei über 250 jährlich.

Wer Binnenschiffer(in) werden möchte, muss sich in der Regel drei Jahre lang ausbilden lassen. Nautik, Logistik und Binnenschifffahrt sind Teile der dualen Ausbildung; eine Verkürzung auf zwei Jahre ist bei Nachweis schulischer Qualifikation möglich. Mit Bestehen der Abschlussprüfung bei der IHK wird man Bootsmann, also Binnenschifffahrtgeselle (ohne Führerschein). Die Ausbildung zum/zur Schiffsführer/in dauert hingegen 3,5 Jahre.

Es ist kurz vor 12 - Was ist mit dem Essen?

Ich erzähle Volker von den Facebook-Kommentaren zum schlechten Essen an Bord. Daraufhin antwortet er: „Ich kenne die Kommentare, habe ja deinen Post und deine Besuchsankündigung gelesen. Es ist eh kurz vor 12, also können runter zum Essen gehen.“, und deutet auf die Tür.

Wir gehen in den Speisesaal. Ein großer quadratischer Raum über die komplette Schiffsbreite, links und rechts mit großen Fenstern versehen. Am Ende eine moderne, offene Küche. 

Für uns gibt es Kürbissuppe. Dazu eine Brühwurst. Wir setzen uns an einen der Sechsertische und blicken auf den Rhein. Ich merke sofort, jeder schlechte Kommentar zum Essen an Bord ist haltlos und schlicht aus einer anderen Zeit. Ich muss mir sogar bewusstmachen, dass wir uns nicht in einem Restaurant, sondern in einer Ausbildungsstätte befinden. 

„Ich bin jetzt seit 2017 Leiter dieses Schulschiffs.“, führt Volker aus. „Mit der Zeit ändert sich alles und vieles wird besser, manches aber komplizierter.“ Ich kenne das Essen der 80er Jahre an Bord nicht, aber ich muss mich nicht weit aus dem Fenster lehnen, um zu erkennen, dass Volker mit den Verbesserungen unter anderem die Küche meint.

„Was ist komplizierter geworden?“, frage ich. 

„Schiffe, Gesellschaft, Politik“, antwortet er und führt aus, dass moderne Schiffe nicht mehr viel mit den alten, klapprigen Kähnen aus der Fernsehserie „MS Franziska“ gemeinsam hätten. Da sei viel Technik drin und der heutige Steuerstand erinnere eher an Captain Kirk auf der Brücke der Enterprise. Wer Binnenschiffer(in) werden wolle, müsse sich dieser Technik stellen. Aber wer glaube, dass dieser Beruf am Ende sei, der irre sich. Der Bedarf sei riesengroß und so ergänzt er: 

Es gibt keine arbeitslosen Binnenschiffer!“  Wer arbeiten wolle, bekäme Arbeit. 

Auch wenn Schiffe in Zukunft mit 40.000 ccm Motoren auf 8 bis 16 Zylindern und 1500 PS die Flüsse auf- und abfahren, seien diese alternativlos, wenn man die Verkehrswende anschieben wolle. Ein Binnenschiff könne 200 LKW-Transporte ersetzen, rechnet uns Volker vor.

Die Politik bemängele zwar das Fehlen von Fachkräften, würde allerdings auch nur wenig für das Image klassischer Arbeiterberufe machen. „Heute muss es das Abitur, der Bachelor und der Master sein!“ stellt Volker fest. Der überwiegende Teil der jungen Leute wisse gar nicht, dass man mit traditionellen und klassischen Berufen gutes Geld verdienen könne. Auszubildende erhielten im letzten Lehrjahr rund 1200 EUR, Schiffsführer(innen) könnten 4000 EUR netto im Monat verdienen. 

Zudem könne jede(r) Binnenschiffer(in) werden, solange die sittliche und gesellschaftliche Reife dazu vorhanden sei, sagt Volker und ergänzt: „Gut, das Grundverständnis für Mathe, Physik und Chemie muss schon da sein. Außerdem musst du dir auch klar darüber sein, dass Binnenschiffer(in) kein 8-bis-16Uhr-Job ist!“. 

Binnenschifffahrt bedeute auch, mal weg von zu Hause zu sein. In der Regel arbeite man 14 Tage am Stück und hätte zum Ausgleich 14 Tage frei. Ein guter Schnitt wie ich finde, denn das sind rund 180 Arbeitstage im Jahr – versuchen Sie das mal in anderen Betrieben auszuhandeln.

Ferner gehöre die Hierarchie an Deck halt dazu. „Du kannst nicht jede Anweisung hinterfragen, du musst es machen, damit es läuft.“ So ist es in vielen Berufen und gerade als Polizist, kann mich damit natürlich gut anfreunden.

„Woran fehlt es hier denn noch?“, möchte ich abschließend wissen.

„Wir haben kein Schulschiff“, antwortet uns Kapitän Volker und blickt in unsere irritierten Gesichter. Ein echtes Schiff, mit dem die Auszubildenden auf dem Wasser lernen könnten, fehle in Gänze, erklärt er uns. So ein Schiff würde annähernd 4 Millionen Euro kosten, aber das lohnte sich, um die Qualität der Ausbildung zu steigern und an die Herausforderungen moderner Schiffe anzupassen. 

Zum Ende unseres Besuchs darf ich die Schiffsglocke putzen. Während ich versuche das Messing streifenfrei zu polieren, wendet sich Jens, der offenbar schnell an Bord integriert wurde, an Kapitän Volker und schlägt vor, dass ich doch noch das Deck schrubben könne. Besten Dank, denn wenige Minuten später stehe ich, mit einem Schrubber bewaffnet, draußen und blicke in grinsende Gesichter. Volker motiviert mich zu körperlicher Höchstleistung, bevor ein äußerst interessanter, sehr informativer und wirklich toller Besuch an Bord endet.

 

Als Fazit nehme ich mit:  

Wären wir noch länger an Bord geblieben, hätte ich den Leiter meines Wahlkampfteams wohlmöglich noch an Kapitän Müßig verloren. 

Spaß beiseite, denn das System Wasserstraße muss als wichtiger Teil der Verkehrswende verstanden werden, auch wenn Schiffe in absehbarer Zeit nicht mit Elektromotor laufen werden. Die „landläufige“ Annahme, dass diese Schiffe mit Schweröl führen, muss sozusagen unter der Kategorie „Seemannsgarn“ verbucht werden, da es sich hierbei um moderne Dieselmotoren handelt. Die Entlastung der Frachtmassen kann nur über den Wasserweg stattfinden und hiernach stellt die Binnenschifffahrt einen elementaren Pfeiler moderner Lieferketten dar.

Ferner erachte ich die Förderung von klassischen Ausbildungsberufen und der zugehörigen Ausbildungen als den wirtschaftlichen Motor, der den Wohlstand unserer Gesellschaft garantiert und hiernach als unbedingtes Ziel eines jeden politischen Vertreters gelten muss. Infolgedessen ist die Förderung klassischer Berufe wie in der Binnenschifffahrt eines meiner persönlichen Ziele in der Funktion als Landtagskandidat.   

Im Namen meines ganzen Teams danke ich dir, lieber Volker, für den tollen Tag an Deck!

In Gottes Namen, Anker auf!